Filmklasse

 

Montag | 20.11.2023 | 19:00 h

Zu Gast: Caspar Stracke - Von den wilden Dingen

(Filmklassenfilme aus den späten 80er-Jahren)

Zurück gedacht ins wunderbare Studentenleben Ende der 1980er in der HBK Braunschweig: Noch ist dieser Ort Teil des sogenannten Zonenrandgebiets, aber der Wandel “da drüben” war schon präsent (DDR Zerfall, Glasnost und Tschernobyl). Im “Westdeutschland” der späten 80er widmen sich die Künstler*innen dem Selbst und dem eigenen Körper, gleichzeitig bricht die AIDS Krise herein – aus Selbstversuchen werden “body politics”. Der Experimentalfilm ging durch eine Metamorphose. Auf die sehr formalen, strukturellen und materialistischen Filmexperimente folgten performative Ansätze und vor allem: Humor. - Während sich ein Teil der Studierenden noch stark am Avantgarde Cinema orientierte, hatte sich eine andere Fraktion schon dem neuen elektronischen (noch nicht digitalen) Videoformat verschrieben. (CS)

 

Filmprogramm (68 min):

Mara Mattuschka - Parasympathica
5:00 min | 1986 | digifile (16mm) | bw | sound | OVde+es

Matthias Müller - Aus der Ferne - The Memo Book
26:40 min | 1989 | digifile (16mm / BlowUpS8) | col | sound | OVen

Hille Köhne - Und sie, sie liebte Raubtiere – tritt auch in den Garten
7:30 min | 1987 | 16mm | col | silent | OV

Christoph Bartolosch - Daraus die Liebe Dich gezogen hat
3:14 min | 1986 | 16mm | bw | silent | OVdt

Volker Schönwart - Dirigibile
3:30 min | 1986 | digifile (Single-8) | col | sound | OV (nodialog)

Caspar Stracke - Kopf Motor Kopf
13:30 min | 1989 | 16mm | bw | sound | OVde

Caroline Richter - Zum Abschied
2:49 min | 1990 | digifile (Umatic) | col | sound | OV (nodialog)

Claus Blume - Kniespiel III
3:29 min | 1990 | digifile (Umatic) | col | sound | OV (nodialog)

Mara Mattuschka - Danke, es hat mich sehr gefreut
1:34 min | 1986 | digifile (16mm) | bw | sound | OVde

 

Caspar Stracke (*1967) is an interdisciplinary artist, filmmaker and film curator. He studied at Filmklasse 1986-1993 with Gerhard Büttenbender und W+B Hein, got his Meisterschüler and ran off to New York (thank god with a DAAD). Instead of one he spent 23 years there, then got a Professorship in Helsinki. His films and installation works deal with socio-political questions around housing, architecture, urbanism and the societal impact of moving image cultures. Caspar lives and works between Mexico City and Berlin.

[ www.videokasbah.net ]

 

50 Jahre Filmklasse
VON DEN WILDEN DINGEN
Filmklassenfilme aus den späten 80er Jahre

“Jedes Jahrzehnt findet sein eigenes Tor zum Glück” (Heinz Emigholz). Und ebenso trägt jede Dekade ohne Zweifel einschneidende Veränderungen mit sich, die erst Jahre später sachgemäss interpretiert werden können. Die späten Achtziger sind ebenso von einer ganzen Zahl dramatischer Umbrüche gekennzeichnet. Viele davon lassen sich in den Werken dieses Programms genaustens ablesen.

Zurück gedacht ins wunderbare Studentenleben Ende der 1980er in der HBK Braunschweig. Noch ist dieser Ort Teil des sogenannten Zonenrandgebiets, aber wir bekamen schon mit, daß sich “da drüben” schon so einiges zusammenrauft: Proteste in den Ostberliner Metropolen vermehrten sich, die DDR schien jetzt langsam in sich zusammenzufallen. Gorbatschow begann den letzten Versuch, die ebenso dahin rottende Sowjetunion mit Perestroika und Glasnost mit einer bis dahin vollkommen ungeahnten Politik der Öffnung umzulenken. Dem “Westdeutschland” geht es besser denn je, das Internet ist noch nicht erfunden und künstlerische Praxen entstehen fernab von gesellschaftspolitischen Diskursen, vornehmlich genau in der Gegenrichtung: Zurück zum Selbst und in den eigenen Körper. Nicht nur in der Malerei, sondern in allen Disziplinen gibt es nun “Neue Wilde”, die auch mit performativen Ansätzen über Sexualität und Identität arbeiten. Gleichzeitig bricht die immer globaler werdende AIDS Krise auch in Deutschland herein und gibt der “(Für)sorge um das Selbst” (Baudrilliard) eine erweiterte Bedeutung. Ansätze zu Körperlichkeiten werden nun zu “body politics”. Auch künstlerische Positionen gehören hier zu einem neuen Aktivismus, der die ignorante Verleumdungspolitik westlicher Regierungen zur AIDS Debatte anprangert.

Matthias Müller’s “Aus der Ferne - The Memobook” bildet im ästhetisch sowie politischen Sinne das Kernstück dieses Kurzfilmprogramms. Denn auch ästhetisch ist im Experimentalfilm der späten 80er ein Umbruch zu spüren. Während sich ein Teil der Studenten noch stark am Avantgarde Cinema orientiert, mit kontraststarken 16mm schwarzweiß Negativ und teilweise mit Handentwicklung arbeitet, ist eine andere Fraktion den neuen elektronischen (und noch nicht digitalem) Videoformat verschrieben. Uns Studenten wird damit der schon stark entfachte ästhetische Streit von “Film vs. Video” mit anerzogen. Interessanterweise bildeten sich die Inhalte a priori aus dem Format und seiner Materialität, waren aber -absurderweise- nie Bestandteil dieser Debatte.

Der Experimentalfilm ging durch eine Metamorphose. Die US Dominanz Avant-garde Film wurde durch die europäische Avantgarde stark relativiert. (W+B Hein gehören hier zu den wichtigsten Weichenstellern). Waren die 70er Jahre noch sehr von strukturellen -aber nicht strukturalistischen- Konzepten geprägt, und die Resultate meist sehr formal und bitterernst, so war nun eine neue Abgrenzung im Gange und integrieret ein wichtiges Element, was von der vorherigen Generation weitgehend abgelehnt wurde: Humor.

Einher ging eine bewußte Öffnung zum Spielerischen und Performativen (Mattuschka und Schönwart). Darüber hinaus wechselten auch viele Maler von Pinsel zu Kamera, und übersetzten ihr Vokabular ins Bewegtbild, oftmals mit collagierten Bildfragmenten und Einzelbild-Animationen (Köhne, Bartolosch). Caroline Richter’s kurzes Bildessay über eine Mutter-Tochter Beziehung, bildet hier eine interessante Überleitung zum elektronische Bild und die erwähnte Videoart Fraktion. Eine wegweisende Arbeit für letztere kam von Claus Blume. Sein 'Kniespiel III' besteht aus staccato-artigen Schnittfolgen, liefert eine Art von Video sampling, dass nun auch die Tonebene neu aktiviert. Videokunst -neben seiner primär visuellen Form- wird ein Musikinstrument.

(Caspar Stracke)



[ Abbildung oben: aus dem Film „Kniespiel III“ von Claus Blume ]